Der Adler

 

 

Einst fiel ein junger Adler aus dem Nest. Ein Bauer, der zufällig vorbei kam, nahm ihn mit und brachte ihn in seinem Hühnerhof unter. Dort wuchs der junge Adler inmitten der Hühner auf.

 

  Zuerst gaggerten die Hühner misstrauisch und besahen sich den Fremdling, der wild mit den Flügeln flatterte und sich ungeschickt in die Luft erheben wollte. Aber weil der Adler noch jung und anpassungsfähig war, lernte er schnell sich wie ein Huhn zu benehmen und schon bald unterschied er sich nur noch äußerlich von den Hühnern. Wie die Hühner scharte er im Boden nach Würmern, pickte Körner aus dem Napf und versuchte so zu gackern, wie Hühner es eben tun.

 

Im Laufe der Zeit entwickelte er darin eine gewisse Geschicklichkeit und allmählich verkümmerte dieser seltsame Drang sich in die Luft erheben zu wollen völlig.

 

Nur hin und wieder, wenn ein Schatten über den Hühnerhof glitt und alle seine Gefährten hysterisch gackernd unter Hecken und Bäumen Schutz suchten, blickte er als einziger zu dem Schatten hinauf und eine eigenartige Sehnsucht befiel ihn.

 

Aber weil er sich diese Gefühle nicht erklären konnte und die anderen Hühner ihn so merkwürdig ansahen, wenn er mit ihnen darüber reden wollte, verdrängte er seine Sehnsucht. Und als das nächste Mal der Schatten über den Hof flog, zog er wie die anderen den Kopf ein und flüchtete mit ihnen in den Schutz der Hecke.

 

Jahre später kam ein Wanderer am Hühnerhof vorbei. Als er den Adler im Hühnerhof sah, fragte er den Bauern: “Wie kommt es, dass du einen Adler im Hühnerhof hältst? Weißt du nicht, dass er für ein ganz anderes Leben bestimmt ist?”

 

Der Bauer erzählte ihm, wie er den jungen Adler gefunden hatte und wie er, weil er sich keinen anderen Rat gewusst hatte, ihn eben zu den Hühnern gesetzt hatte. “Und wie du sehen kannst, fühlt er sich hier unter den Hühnern wohl. Er ist jetzt einer von ihnen.”

 

Der Wanderer schüttelte den Kopf und fragte den Bauern, ob er den Adler zu einer Wanderung mitnehmen könne, er werde ihn später wieder zurückbringen. Der Bauer hatte nichts dagegen und so holte der Wanderer den Adler aus dem Gehege, setzte ihn auf seine Hand und verließ den Hof.

 

Langsam und gemächlich wanderte er mit dem Adler den Bergen entgegen. Der Adler saß mit angelegten Flügeln und eingezogenem Kopf auf seiner Hand und nur gelegentlich riskierte er einen ängstlichen Blick in die fremde Umgebung. Der Wanderer stieg mit ihm auf einen Hügel von dem man einen herrlichen Blick über die Landschaft hatte, aber der Adler sah nur wenig davon.

 

Nach einer Weile brachte der Wanderer den Adler zurück in den Hühnerhof. Erleichtert flatterte der Adler auf den Boden zurück und begann eifrig nach Würmern zu scharren, froh wieder bei seinen Gefährten zu sein. 

 

Eine Woche später kehrte der Wanderer zurück, setzte den Adler auf seine Hand und wanderte mit ihm wieder den fernen Hügeln entgegen. Dieses Mal war der Adler nicht mehr gar zu ängstlich, sondern sah sich neugierig um. Als sie auf der Spitze eines hohen Berges angelangt waren, hob der Wanderer den Adler auf seiner Hand hoch in die Luft. Der Adler flatterte mit seinen Schwingen, um das Gleichgewicht zu halten und dabei erhob er sich zu seinem eigenen Erstaunen fast schwerelos in die Luft.

 

Obwohl es ein erhebendes Gefühl war, erschrak er und klammerte sich schnell wieder an den festen Halt der Hand. Der Wanderer lächelte, stieg mit ihm wieder den Berg hinunter

und lieferte ihn im Hühnerhof ab.

 

Der Adler benahm sich nach wie vor wie ein Huhn, aber gleichzeitig begann er von nun an sehnsüchtig auf den Wanderer zu warten, um mit ihm wieder hinauf in die Berge zu gehen. Als der Wanderer das nächste Mal kam, flatterte er ganz von selbst auf dessen Hand, reckte stolz den Kopf und schien es kaum abwarten zu können, aus dem Gehege herauszukommen.

 

Wieder stiegen sie auf die hohe Bergspitze hinauf. Es war ein wunderschöner Sommertag; ein laues Lüftchen wehte, am Himmel segelten weiße Wolken vorüber und tief unter ihnen breitete sich das herrliche, weite Land mit grünen Wäldern und fruchtbaren Feldern aus.

 

Der Wanderer hob seinen Arm und schwenkte ihn vorsichtig durch die Luft. Zuerst krallte der Adler sich fest und flatterte aufgeregt mit seinen Flügeln, dabei stieg er, fast ohne es zu wollen, erst ein wenig, dann immer ein bisschen höher in die Luft. Wie von selbst breiteten sich seine Schwingen aus und der Wind trug ihn immer höher in den Himmel hinauf. Plötzlich stieß er einen lauten, triumphierenden Schrei aus und begann erst enge und dann immer weitere Kreise zu ziehen. Fast schwerelos segelte er durch den endlos weiten Himmel. 

 

Ein König in seinem eigenen Reich